Pisa-Ergebnisse: Deutschlands Schüler schneiden so schlecht ab wie nie – was jetzt für bessere Bildung nötig ist
Die ersten Pisa-Ergebnisse aus dem Jahr 2000 lösten in Deutschland große Selbstzweifel aus. Heute fallen die Testergebnisse noch schlechter aus als damals. Doch der Negativtrend ist kein Naturgesetz, sondern kann durch konsequente Reformen gestoppt werden.
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Die ersten Pisa-Ergebnisse aus dem Jahr 2000 lösten in Deutschland große Selbstzweifel aus. Heute fallen die Testergebnisse noch schlechter aus als damals. Doch der Negativtrend ist kein Naturgesetz, sondern kann durch konsequente Reformen gestoppt werden.
Pisa ist in Deutschland die wohl bekannteste Bildungsstudie. Als die deutschen Schülerinnen und Schüler im Jahr 2000 schwach abschnitten, erschütterte das die Nation der Dichter und Denker – der sogenannte Pisa-Schock. Nun liegen die Ergebnisse von 2025 vor: Der neue Schock fällt noch härter aus. Die Resultate sind so schlecht wie nie zuvor und liegen sogar unter denen der ersten Erhebung vor 25 Jahren. Auch die Bildungsschere zwischen Kindern aus wohlhabenden und sozial benachteiligten Familien ist weiter aufgegangen. Ein Vierteljahrhundert Reformdebatte hat offenbar nicht genug bewirkt. Bildungspolitiker zeigen sich erneut alarmiert, Wirtschaftsverbände wie DIHK und BDA verlangen Reformen – diesmal mit mehr Nachdruck. Doch was kann tatsächlich helfen?
„Die gute Nachricht ist: Der Negativtrend ist kein Schicksal und auch kein Naturgesetz“, sagte Pisa-Studienleiter Samuel Greiff bei der Vorstellung der Ergebnisse. Bildungssysteme könnten sich verändern. Ohne konsequente Maßnahmen werde sich die Entwicklung allerdings nicht umkehren. Was zeigen die Zahlen also – und was muss jetzt geschehen? Die wichtigsten Antworten:
Was ist die Pisa-Studie?
Pisa steht für „Programme for International Student Assessment“ und wird unter dem Dach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) organisiert. Standardisierte, zweistündige Computertests erfassen bei 15-Jährigen Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. In jeder Runde steht eines der drei Gebiete besonders im Mittelpunkt, diesmal die naturwissenschaftliche Kompetenz. Zusätzlich wurde das modellbasierte Lösen von Problemen als Bestandteil des „Lernens in der digitalen Welt“ geprüft.
In Deutschland nahmen im April und Mai 2025 knapp 6.700 Schülerinnen und Schüler an den Tests teil. Weltweit waren es mehr als 760.000 Jugendliche in 91 Staaten und Regionen, darunter die 38 OECD-Staaten.
Wie hat Deutschland diesmal abgeschnitten?
„Die Jugendlichen in Deutschland erzielen in Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik so niedrige Ergebnisse wie noch nie seit Beginn der Pisa-Studien“, fassen die verantwortlichen Forscher der Technischen Universität München zusammen. Im Durchschnitt erreichten die Jugendlichen 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 Punkte im Lesen und 464 Punkte in Mathematik.
Zum Vergleich: Japan kam auf durchschnittlich 538 Punkte in Naturwissenschaften, 503 Punkte im Lesen und 525 Punkte in Mathematik. Deutschland lag in allen drei Bereichen ungefähr im OECD-Durchschnitt und teilweise leicht über dem EU-Durchschnitt. In den Naturwissenschaften schnitt Deutschland etwa besser ab als Frankreich oder Spanien. Ähnlich fällt der Vergleich bei Mathematik und Lesekompetenz aus.
Allerdings beobachten die Forscher in sämtlichen OECD-Staaten einen Abwärtstrend. Einige Länder liegen dennoch deutlich vor Deutschland, darunter Großbritannien, Kanada und die baltischen Staaten.
Hat der Pisa-Schock nichts bewirkt?
Doch. Nach dem schwachen Ergebnis von 2000 verbesserten sich die Leistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften zunächst deutlich – bis etwa 2012. Seit 2015 zeigt die Entwicklung jedoch wieder nach unten.
Besonders beunruhigt sind die Forscher über den wachsenden Anteil junger Menschen ohne grundlegende Kompetenzen. Beim Lesen und in Mathematik betrifft das etwa ein Drittel der 15-Jährigen, in den Naturwissenschaften rund ein Viertel. Bei ungefähr einem Fünftel fehlen die Grundlagen in allen drei Bereichen. Seit 2015 hat sich dieser Anteil im Lesen und in Mathematik verdoppelt.
Woran liegt der Abwärtstrend?
Studienleiter Greiff meint, den deutschen Bildungsreformen sei nach den Fortschritten der 2000er-Jahre die Kraft ausgegangen. Bildung habe politisch nicht mehr denselben Stellenwert erhalten. Gleichzeitig habe sich die Lebenswelt der Jugendlichen stark verändert: Corona-Pandemie, soziale Medien, ständige Ablenkung und Lehrermangel setzen Schulen zusätzlich unter Druck.
„Die Schülerschaft ist heterogener geworden“, gibt Greiff zu bedenken. Auch Zuwanderung sei ein Faktor. Die Ergebnisse zeigten jedoch klar: „Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien.“ Das deutsche Bildungssystem gleiche diese Unterschiede nicht ausreichend aus – ein Befund, den auch andere Studien bestätigen.
„Viele Staaten schaffen es, unterschiedliche Voraussetzungen in eine Stärke der Vielfalt umzuwandeln“, sagt Greiff. In Deutschland gelinge das noch nicht überall.
Was kann helfen?
Greiff und sein Team nennen drei konkrete Ansätze. Bereits im Vorschulalter sollten Lernprobleme erkannt und gezielt angegangen werden. „Vor allem die Kenntnis der Unterrichtssprache ist der Schlüssel zu allen anderen Fächern“, sagt Greiff.
Der zweite Vorschlag ist eine „datenbasierte“ Weiterentwicklung des Unterrichts. Gemeint sind regelmäßige Tests, die nicht für Noten genutzt werden, sondern Lehrkräften helfen, individuell gegenzusteuern, bevor sich Rückstände verfestigen. Als Vorbild nennt Greiff Kanada.
Drittens brauche es mehr Geld für Schulen mit besonders vielen Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen. „Wenn Schulen sehr unterschiedliche Herausforderungen bewältigen müssen, dürfen sie nicht alle gleich ausgestattet werden“, mahnen die Forscher.
Was tut die Politik?
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) und die Vorsitzende der Bildungsministerkonferenz, die bayerische Landesministerin Anna Stolz (Freie Wähler), zeigten sich von den Ergebnissen wenig überrascht. Andere Studien mit ähnlich schlechten Werten hatten die Politik bereits gewarnt.
Einige Maßnahmen gehen bereits in die von den Bildungsforschern empfohlene Richtung. Prien verweist auf das geplante Kita-Gesetz. Frühe Sprachtests bei Vierjährigen sollen Schwächen aufdecken und als Grundlage für gezielte Förderung dienen. Das Startchancen-Programm soll Geld und zusätzliches Personal dorthin bringen, wo besonders viele Kinder und Jugendliche unter schwierigen Bedingungen leben.
Eine Verbesserung der Pisa-Ergebnisse sei entscheidend für Deutschlands Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit, sagte Prien. „Dafür braucht es keinen kurzfristigen Aktionismus, sondern einen langfristigen gemeinsamen Kurs. Daran werden Bund und Länder entschlossen weiterarbeiten.“
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